Ab dieser Ausgabe erscheinen die Vigilance-News in einem neuen Format. Die Originalartikel publizieren wir nun ausschliesslich auf Englisch. Zusätzlich liefern wir zur schnellen Information und in vier Sprachen jeweils eine Zusammenfassung dieser Artikel.
Summaries:
Fluorchinolone sind wirksame Breitbandantibiotika. Eingeschränkt wird ihr Einsatz jedoch durch das Risiko schwerwiegender und potenziell irreversibler unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW). Wir beschreiben den Fall einer jungen Frau, die zur Eradikation von Helicobacter pylori unter anderem mit Levofloxacin behandelt wurde. Sie entwickelte akute neuropsychiatrische Symptome – Verwirrung und Suizidgedanken – und in der Folge ein chronisches, invalidisierendes Multisystem-Syndrom, das mit einer sogenannten FQAD (Fluoroquinolone-Associated Disability) vereinbar ist. Die klinischen Manifestationen betrafen ihr kardiorespiratorisches, muskuloskelettales, neurologisches, psychiatrisches, dermatologisches, vaskuläres, okuläres, orales, gastrointestinales und gynäkologisches System und führten zu einer weitreichenden Beeinträchtigung der Lebensqualität sowie zu Erwerbsunfähigkeit und sozialem Rückzug. Diese Polysymptomatik ist noch nicht abgeklungen und besteht mehr als neun Monate nach Beginn der Erkrankung fort. FQAD ist eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung mit anhaltenden multisystemischen UAW, wobei oxidativer Stress und mitochondriale Toxizität als zentrale Mechanismen gelten. Antioxidative Therapien und in bestimmten Fällen auch die hyperbare Sauerstofftherapie wurden bereits erprobt und haben einen gewissen Nutzen gebracht, kontrollierte Studien fehlen jedoch. Dieser Fall unterstreicht die Notwendigkeit eines zurückhaltenden Einsatzes von Fluorchinolonen, einer strikten Einhaltung der Verschreibungsrichtlinien und einer stärkeren Sensibilisierung für FQAD als reale klinische Entität. Meldungen an die Pharmacovigilance sind weiterhin zentral für eine bessere Erkennung und Bewältigung.
Raffaela Bertoli, Francesca Bedussi, Laura Müller, Alessandro Ceschi
Semaglutid und Tirzepatid, zwei ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelte Wirkstoffe, finden inzwischen breite Anwendung bei der Gewichtskontrolle. Der gesundheitliche Nutzen beinhaltet auch eine Verringerung des kardiovaskulären Risikos, nephroprotektive Wirkungen, Verbesserungen beim obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom und möglicherweise auch bei der metabolischen Dysfunktion-assoziierten steatotischen Lebererkrankung (MASLD). Die in der Schweiz zugelassenen Indikationen sind in den Arzneimittelinformationen zu den einzelnen Präparaten unter www.swissmedicinfo.ch zu finden. Der therapeutische Nutzen dieser Wirkstoffe muss gegen die unerwünschten Wirkungen abgewogen werden. Das Sicherheitsprofil beider Wirkstoffe wird von gastrointestinalen unerwünschten Wirkungen dominiert. Kürzlich wurde die nicht-arteriitische ischämische Optikusneuropathie als sehr seltene unerwünschte Wirkung von Semaglutid identifiziert, während ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken durch die aktuellen Erkenntnisse nicht bestätigt wurde. Weil das Risiko jedoch nicht eindeutig ausgeschlossen werden kann, erfolgen weitere Evaluationen. Eine kontinuierliche Pharmakovigilanz ist für die Überwachung potenzieller unerwünschten Wirkungen unerlässlich, insbesondere aufgrund der Notwendigkeit einer Langzeitbehandlung bei der Verwendung von Semaglutid und Tirzepatid zur Gewichtskontrolle. Schliesslich sollten die medizinischen Fachpersonen die Behandlung für optimale Ergebnisse und möglichst geringe unerwünschte Wirkungen eng begleiten.
Giulia Paternoster, Stephanie Storre, Thomas Kleppisch, Thomas Stammschulte
Eine nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION) kann zu einem akuten monokularen Sehverlust führen. In letzter Zeit berichteten verschiedenen Quellen über NAION bei Patienten, die mit Semaglutid behandelt wurden. Eine 68-jährige Patientin, die seit 12 Jahren an einem gut eingestellten Typ-2-Diabetes (T2D) leidet und seit etwa zwei Jahren mit Semaglutid behandelt wird, stellte sich mit einem plötzlichen Sehverlust auf ihrem rechten Auge vor. Bei ophthalmologischen Untersuchungen wurde eine arteriitische oder entzündliche Ursache ausgeschlossen und die Diagnose einer NAION im rechten Auge gestützt. In aktuellen Studien wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen NAION und Semaglutid untersucht. Im Juni 2025 kam die Europäische Arzneimittel-Agentur in einer Übersichtsarbeit zum Schluss, dass NAION eine sehr seltene Nebenwirkung von Semaglutid ist, die bis zu 1 von 10’000 Patienten, die Semaglutid verwenden, betreffen könnte. Epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass Patienten mit T2D und Semaglutid-Exposition ein rund doppelt so hohes Risiko haben wie Personen, die das Arzneimittel nicht erhalten. Welcher Mechanismus beteiligt ist, wird noch kaum verstanden. Es handelt sich also um eine neu erkannte unerwünschte Wirkung mit einem geringen geschätzten absoluten Risiko. Da das Arzneimittel jedoch häufig verschrieben wird, sollten Verschreibende und Patienten darüber informiert sein. Dieses Risiko muss noch genauer charakterisiert werden.
Haithem Chtioui, Faiza Lamine
Trotz umfangreicher präklinischer Tests und klinischer Studien, die vor der Zulassung durchgeführt werden, bleibt das Sicherheitsprofil eines Arzneimittels zum Zeitpunkt der Markteinführung unvollständig. Bei Kindern führen die Entwicklungsphysiologie – die sowohl die Pharmakokinetik (PK) als auch die Pharmakodynamik (PD) beeinflusst – der häufige Off-Label-Gebrauch, das Fehlen altersgerechter Darreichungsformen sowie die fortlaufenden Dosisanpassungen im Zuge des Wachstums zu einem erhöhten Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW). Diese Faktoren unterstreichen die Notwendigkeit einer robusten Pharmacovigilance nach der Marktzulassung, um arzneimittelbedingte Risiken in der pädiatrischen Bevölkerung zu identifizieren und zu überwachen.
Pharmacovigilance-Datenbanken wie VigiBase® enthalten relativ wenige Meldungen aus der Pädiatrie. Verantwortlich dafür sind das Underreporting aufgrund der selteneren Anwendung von Arzneimitteln im Vergleich zu Erwachsenen, Schwierigkeiten bei der Erkennung von UAW, potenzielle rechtliche Bedenken im Zusammenhang mit der Meldung von UAW nach Off-Label-Anwendung sowie unzureichende Schulung von medizinischen Fachpersonen in der Erkennung und Meldung von UAW.
Eine wirksame pädiatrische Pharmacovigilance, die zur frühzeitigen Erkennung von UAW und zur sicheren Anwendung von Arzneimitteln beiträgt, erfordert ein erhöhtes Bewusstsein und eine verbesserte Schulung der medizinischen Fachpersonen sowie eine enge Zusammenarbeit mit den Zulassungsbehörden, um die Datenerhebung und -qualität sowie die Meldungen zu verbessern.
Frédérique Rodieux, Kuntheavy Ing Lorenzini, Irene Scholz
Ab November 2025 lanciert Swissmedic eine neue Initiative, mit der die Kommunikation sicherheitsrelevanter Aktualisierungen von Fachinformationen verbessert werden soll.
Hauptelement dieser Initiative ist ein monatlicher Überblick über sicherheitsrelevante Aktualisierungen von Fachinformationen im Newsletter «Arzneimittelsicherheit». Dabei wird auf Wirkstoffe hingewiesen, deren Fachinformation kürzlich mit neuen Sicherheitsinformationen ergänzt wurde. Ausserdem wird eine Zusammenstellung der sicherheitsrelevanten Aktualisierungen als Excel-Datei auf der Website von Swissmedic zur Verfügung gestellt.
Giulia Paternoster, Melanie Patt, Nora Ruef, Lukas Jaggi, Stephanie Storre
Im Jahr 2024 gingen bei Swissmedic insgesamt 504 Meldungen über Fälle vermuteter unerwünschter Wirkungen nach Impfungen (adverse events following immunization, AEFI) in der Schweiz ein. Fast die Hälfte dieser Meldungen standen im Zusammenhang mit COVID-19-Impfstoffen, auch wenn die Zahl geringer war als im Jahr 2023. Dies ergibt sich daraus, dass weiterhin COVID-19-Impfungen verabreicht werden, aber in abnehmender Zahl. Die meisten dieser Meldungen betrafen bekannte Reaktionen. Zusätzlich wurden im Jahr 2024 in der Schweiz 260 AEFI-Meldungen für Nicht-COVID-Impfstoffe eingereicht. Diese Zahl ist vergleichbar mit 2023 (264 Meldungen) und höher als 2022 (217 Meldungen). Der Schwerpunkt dieses Berichts liegt auf den Nicht-COVID-Impfstoffen. Der letzte Abschnitt des Dokuments enthält dennoch eine kurze Zusammenfassung der im Jahr 2024 eingegangenen AEFI-Meldungen zu COVID-19-Impfstoffen.
Die AEFI-Meldungen wurden in der schweizerischen Pharmacovigilance-Datenbank erfasst, evaluiert und analysiert. Swissmedic unterstützt die Erfassung qualitativ hochstehender Meldungen von AEFI, da dies eine frühe Erkennung neuer Sicherheitssignale ermöglicht. Wichtige Sicherheitsaspekte werden bei Bedarf in Zusammenarbeit mit ausländischen Arzneimittelbehörden und/oder mit Beteiligung des Swissmedic Human Medicines Expert Committee (HMEC) evaluiert. Im Falle einer erhöhten AEFI-Melderate mit anschliessender Evaluation relevanter Fälle können risikomindernde Massnahmen getroffen werden, falls dies zur Gewährleistung der Impfstoffsicherheit erforderlich ist.
Valeriu Toma
Im Jahr 2024 wurden insgesamt 658 Meldungen eingereicht, was einem Anstieg um 42,4 % gegenüber 2023 entspricht. Die am häufigsten betroffenen Tierarten waren Hunde (365) und Katzen (197), gefolgt von Kühen/Rindern/Kälbern (45) und Pferden (25). Die am häufigsten involvierten Arzneimittelgruppen waren Antiparasitika, Impfstoffe, Hormone, Tierarzneimittel zur Beeinflussung des Nervensystems und Tierarzneimittel zur Behandlung des Verdauungstrakts.
Eine beträchtliche Anzahl der Meldungen (188) betraf den Verdacht auf Unwirksamkeit, insbesondere bei Antiparasitika und Hormonimplantaten, die zur Herbeiführung einer vorübergehenden Unfruchtbarkeit bei männlichen Hunden eingesetzt werden. Die Wirksamkeit der Hormonimplantate wurde über die Messung des Testosteronspiegels beurteilt, der in 23 Fällen zu hoch war.
Meldungen zu Impfstoffen betrafen in erster Linie lokale und systemische Reaktionen auf häufig verwendete Präparate für Hunde und Pferde. Bei den Mitteln zur Beeinflussung des Nervensystems führte hauptsächlich die Anwendung monoklonaler Anti-NGF-Antikörper bei Hunden und Katzen zu Meldungen. Die Zahl der Meldungen stieg stark an, wahrscheinlich aufgrund einer erhöhten Aufmerksamkeit. Die Meldungen zu Behandlungen des Verdauungstrakts bezogen sich hauptsächlich auf ein neues orales Antidiabetikum für Katzen (Velagliflozin), wobei über Hyperglykämie, Lethargie und in einigen Fällen sogar über eine tödliche Ketoazidose berichtet wurde.
Tox Info Suisse leitete 206 Fälle weiter: 73 Expositionen bei Tieren, meist durch akzidentelle Aufnahme von aromatisierten Tabletten, und 133 Expositionen bei Menschen, oft aufgrund einer Verwechslung mit Humanarzneimitteln oder durch versehentlichen Kontakt. In einem schweren Fall führte die Selbstinjektion eines mineralölhaltigen Impfstoffs zu einer Nekrose und langfristiger Beeinträchtigung.
Es wurden 16 Sicherheitssignale ausgelöst, die zu einer Aktualisierung der Arzneimittelinformationen zur Verbesserung der Sicherheit führten.
Cedric R. Müntener, Michaela Weber