Metamizol und Agranulozytose

Metamizol und Agranulozytose

Aufgrund sehr seltener, aber schwerwiegender unerwünschter Arzneimittelwirkungen sollte Metamizol gemäss der schweizerischen Fachinformation nur bei starken Schmerzen und hohem Fieber eingesetzt werden, welche auf andere Massnahmen nicht ansprechen.


Stichworte: Novalgin, Metamizol, Agranulozytose

Daten Ereignis / Données relatives à l’évènement / Dati evento / Incident data

Beschreibung / Description / Descrizione / Description

Fall: 2018

Alter: 34 Jahre

Geschlecht: männlich

Arzneimittel: Novalgin®

Wirkstoff: Metamizol

Indikation: postoperative Analgesie

UAW: Agranulozytose

Outcome: recovering

 

 

Rund zwei Wochen nach einer mikrochirurgischen Dekompression L4/L5 wird der Patient notfallmässig zugewiesen mit schwerer Streptokokken A-Tonsillitis. Laborchemisch zeigte sich eine Agranulozytose (Neutrophile 0.03 G/l; Referenz: 1.40- 8.00 g/l). Durch eine ausgeprägte oropharyngeale Schwellung war ausserdem die orale Zufuhr erschwert, sodass eine intravenöse Flüssigkeits- und Elektrolytensubstitution notwendig wurde. Im CT-Hals zeigte sich eine Tonsillenhypertrophie bei zervikaler Lymphadenopathie ohne Hinweis auf Malignität. Wegen des Verdachts auf eine unerwünschte Arzneimittelwirkung wurde Novalgin® gestoppt. Eine dreifache antibiotische Therapie sowie prophylaktische antivirale und antimykotische Therapie wurden begonnen. Nach zweimaliger Gabe von Filgrastim erholte sich die Granulozytenzahl.

Fall 2020

Alter: 22

Geschlecht: männlich

Arzneimittel: Novalgin

Wirkstoff: Metamizol

Indikation: Schmerzen nach Mehrfachverletzung nach Verkehrsunfall

UAW: Agranulozytose

Outcome: fatal

 

 

Der Patient nahm nach Mehrfachverletzung durch einen Verkehrsunfall im Sommer 2019 über Wochen bis zu 4 x 500 mg Novalgin® (Metamizol) pro Tag ein. In den Wochen vor der Hospitalisation nahm er Novalgin® noch bedarfsmässig bei Kopfschmerzen.

Wegen einer Appendizitis mit beginnendem septischem Schock wurde er notfallmässig hospitalisiert. Laborchemisch zeigte sich eine Agranulozytose (Neutrophile: 0.03 G/l (Referenz: 1.40- 8.00 g/l), so dass Filgrastim verabreicht wurde. Im weiteren Verlauf entwickelte der Patient ein schweres ARDS auf dem Boden einer invasiven Aspergillose. Eine schwere Panzytopenie zeigte in Knochenmarkspunktionen keine Regeneration. Die respiratorische Situation verschlechterte sich weiter. Zusätzlich entwickelte sich ein abdominelles Kompartmentsyndrom bei neutropener Enterokolitis. Trotz maximal intensivmedizinischer Unterstützung verstarb der Patient einen Monat nach initialer Vorstellung auf dem Notfall.

Fazit und Empfehlung

Agranulozytose ist eine bekannte, sehr seltene (<1/10'000) unerwünschte Arzneimittelwirkung von Metamizol, einschliesslich Fällen mit tödlichem Ausgang. Typische Anzeichen sind entzündliche Schleimhautläsionen (z.B. oropharyngeal, anorektal, genital), Halsschmerzen und Fieber. Bei Patienten unter Antibiotikatherapie können die typischen Anzeichen auch minimal sein.

Eine durch Metamizol hervorgerufene Agranulozytose ist eine allergische Immunreaktion, die mindestens eine Woche anhält. Diese Reaktionen stehen in keinerlei Zusammenhang mit der verabreichten Dosis und können zu jedem Zeitpunkt während der Behandlung auftreten. Alle Patienten, die mit Metamizol behandelt werden, sind anzuweisen, unverzüglich einen Arzt bzw. eine Ärztin aufzusuchen, wenn sie Anzeichen und Symptome entwickeln, die auf eine Blut-Dyskrasie hinweisen, z.B. allgemeines Krankheitsgefühl, Halsschmerzen, Infektionszeichen, andauerndes Fieber, Hämatome, Blutungen oder Blässe.

Im Falle einer Blutdyskrasie ist die Behandlung sofort abzubrechen. Regelmässige Kontrollen sind durchzuführen, bis sich die Werte wieder normalisiert haben.

Medizinische Fachpersonen sind aufgerufen, schwere und/oder bislang unbekannte Nebenwirkungen an Swissmedic zu melden. Bitte nutzen Sie dafür das Elektronische Vigilance-Meldeportal «ElViS».