Die Originalartikel der Vigilance-News sind als Volltext in englischer Sprache als e-Paper oder PDF verfügbar. Zusätzlich liefern wir zur schnellen Information und in vier Sprachen jeweils eine Zusammenfassung dieser Artikel.
Summaries:
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) sind nach wie vor ein grosses Problem im Gesundheitswesen; dennoch werden entsprechende Ereignisse in den Spitälern aufgrund des herrschenden Zeitdrucks und der Komplexität der Dokumentation oft nicht gemeldet. Austrittsberichte enthalten wertvolle Sicherheitsinformationen; allerdings erschwert ihr Freitextformat die systematische Auswertung. Im Rahmen der Studie QUADRATIC haben wir Modelle für die Verarbeitung natürlicher Sprache (Natural Language Processing, NLP) zur Erkennung potenzieller UAW in italienischsprachigen Spital-Austrittsberichten aus dem Kantonsspital-Netzwerk der Südschweiz entwickelt und validiert. Das logistische Regressionsmodell mit Bag-of-Words-Darstellung zeigte ein hohes Mass an Präzision und Interpretierbarkeit, sodass die Dokumente nach UAW-Wahrscheinlichkeit eingestuft werden konnten. Im operativen Umfeld werden den Pharmakovigilanz-Fachleuten täglich die am höchsten eingeordneten Austrittsberichte über eine eigene, in das elektronische Patientendatensystem integrierte Schnittstelle angezeigt, die die Überprüfung durch Hervorhebung prädiktiver Textsegmente unterstützt. Das Modell kann mithilfe von strukturiertem Feedback neu kalibriert werden, wodurch die Orientierung an der klinischen Praxis sichergestellt wird. Langfristig soll damit die Unterscheidung zwischen potenziell meldepflichtigen und nicht meldepflichtigen UAW auf der Grundlage nationaler Rechtsvorschriften unterstützt werden. Durch die direkte Einbettung interpretierbarer künstlicher Intelligenz in den Prozessablauf elektronischer Patientendossiers verbessert dieser Ansatz die Fallerkennung, unterstützt die kompetente Entscheidungsfindung und verringert Underreporting. Damit erweist er sich als ein praktisches, skalierbares Modell für die Pharmakovigilanz im stationären Bereich.
Roberta Noseda, Laura Müller, Raffaela Bertoli, Alessandro Ceschi
Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI) sind mit potenziell schweren immunvermittelten unerwünschten Wirkungen (irAE) assoziiert. Wir stellen drei Patienten vor, die eine ICI-assoziierte Myositis mit Myasthenia-gravis-ähnlichen Manifestationen entwickelten, darunter ein Fall mit Myokarditis. Elektroneuromyographisch zeigte sich eine entzündliche Myopathie.
- Bei einem 75-jährigen Mann mit Melanom kam es nach einem Zyklus Ipilimumab/Nivolumab, gefolgt von zwei Zyklen Nivolumab, zu Myalgie, Muskelschwäche, Ptose, Diplopie und Dysphonie. Sein Zustand besserte sich allmählich, mit Spontanremission nach fünf Monaten.
- Bei einer 95-jährigen Frau mit Sarkom kam es nach zwei Zyklen Pembrolizumab zu Myalgie, Muskelschwäche, Ptose, Zwerchfellparese und Myokarditis mit atrioventrikulärem Block dritten Grades und Herzinsuffizienz. Trotz intravenösem Immunglobulin (IVIG) und Kortikosteroiden (CS) verschlechterte sich ihr Zustand, mit letztendlicher Todesfolge.
- Bei einer 66-jährigen Frau mit hepatozellulärem Karzinom kam es nach Tremelimumab und zwei Zyklen Durvalumab zu Myalgie und Muskelschwäche mit Diaphragmalähmung. Sie benötigte eine nicht-invasive Beatmung und wurde mit CS und IVIG behandelt. Ihr Zustand verbesserte sich allmählich.
Das ICI-assoziierte Myositis-Overlap-Syndrom manifestiert sich in der Regel bereits frühzeitig mit heterogenen Merkmalen. Massgeblich für ein bestmögliches Outcome bei dieser irAE sind die schnelle Erkennung, das Absetzen des ICI sowie ein multidisziplinäres Management.
Françoise Livio, Alex Vicino, Nicolas Etienne
Das fixe Arzneimittelexanthem (FDE) ist eine bekannte kutane unerwünschte Arzneimittelwirkung, die gekennzeichnet ist durch das Wiederauftreten scharf begrenzter Läsionen an den jeweils selben Stellen nach erneuter Exposition gegenüber dem verursachenden Arzneimittel. Obwohl das FDE in der Regel lokal begrenzt und selbstlimitierend ist, kann es sich gelegentlich in generalisierten oder bullösen Formen manifestieren. Diese werden als generalisiertes bullöses fixes Arzneimittelexanthem (GBFDE) bezeichnet und können zu erheblicher Morbidität führen. Die frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um sicherzustellen, dass das ursächliche Arzneimittel sofort abgesetzt wird, und um mögliche Komplikationen zu vermeiden. Bei zahlreichen Arzneimitteln wird ein entsprechender Zusammenhang vermutet, z. B. Antibiotika oder NSAR.
Dieser Artikel gibt einen kurzen Überblick über das klinische Bild und die Pathophysiologie des FDE, geht näher auf seinen Zusammenhang mit Tetracyclinen ein und fasst zusammen, welche Massnahmen von Swissmedic zur Sensibilisierung von medizinischen Fachpersonen und Patientinnen und Patienten ergriffen wurden, um eine zeitnahe Diagnose und Behandlung zu gewährleisten.
Ursula Köberle, Tugce Akyüz, Frédérique Rodieux
Die Meldung unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) stellt in der Schweiz für medizinische Fachpersonen eine gesetzliche Verpflichtung dar. Gemäss Heilmittelgesetz (HMG; SR 812.21) und Arzneimittelverordnung (VAM; SR 812.212.21) sind Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker sowie weitere zur Anwendung oder Abgabe von Arzneimitteln berechtigte Fachpersonen verpflichtet, schwerwiegende oder bisher nicht bekannte UAW an Swissmedic zu melden. Dabei genügt bereits der Verdacht eines kausalen Zusammenhangs. UAW-Meldungen von medizinischen Fachpersonen sind die Grundlage eines funktionierenden Spontanmeldesystems. Für die Meldung sollte das Meldetool ElViS verwendet werden. Medizinische Fachpersonen leisten durch ihre Meldung einen unentbehrlichen Beitrag zur kontinuierlichen Überwachung der Sicherheit von Arzneimitteln nach Markteinführung.
Victoria Ahnert, Mario Sulser, Thomas Stammschulte
Die Guideline E2D(R1) des International Council for Harmonisation of Technical Requirements for Pharmaceuticals for Human Use (ICH) betreffend «Post-Approval Safety Data: Definitions and Standards for Management and Reporting of Individual Case Safety Reports» erreichte im September 2025 Step 4 des ICH-Prozesses – Verabschiedung der harmonisierten Guideline nach Fertigstellung des Dokuments der Expertenarbeitsgruppe. Anschliessend trat die Guideline in Step 5 des ICH-Prozesses – die Umsetzungsphase – ein. Die überarbeitete Guideline enthält aktualisierte Definitionen und Standards für Einzelfall-Meldungen nach der Zulassung (individual case safety reporting) sowie «Good Practices» für die Fallbearbeitung. Gegebenenfalls enthält die Guideline Hinweise, wo regionale oder lokale regulatorische Anforderungen abweichen können und von den Zulassungsinhaberinnen entsprechend zu berücksichtigen sind. Die Umsetzung der E2D(R1) durch die ICH-Regulierungsmitglieder erfolgt voraussichtlich ab Ende 2025, wobei regionale Wegleitungen folgen werden. Swissmedic prüft derzeit die potenziell betroffenen Bereiche der lokalen Pharmakovigilanz-Anforderungen. Als Ergänzung zur überarbeiteten Guideline E2D(R1) und zur Unterstützung der Umsetzung hat der ICH das von der Expertenarbeitsgruppe erstellte, zusätzliche Schulungsmaterial veröffentlicht.
Valeriu Toma
Die Risikomanagement-Aktivitäten der Abteilung Arzneimittelsicherheit im Jahr 2025 veranschaulichen, wie wichtig die systematische Überwachung und gezielte regulatorische Interventionen im Hinblick auf die Sicherung eines günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses für Arzneimittel in der Schweiz sind. Die folgende Zusammenfassung hebt die wichtigsten Ergebnisse in den Bereichen Signalmanagement, PSUR-Evaluationen, RMP-Begutachtungen und neue Kommunikationsinitiativen hervor.
Signalmanagement
- 153 Sicherheitssignale wurden evaluiert, von denen die meisten aus internationalen Quellen stammen.
- Am häufigsten betroffene Therapiebereiche:
- ATC L (antineoplastische und immunmodulierende Mittel)
- ATC N (Nervensystem)
- Rund drei Viertel aller evaluierten Signale erforderten risikomindernde Massnahmen, hauptsächlich Aktualisierungen der Arzneimittelinformationen
- 279 Verfahren wurden mit Zulassungsinhaberinnen zur Umsetzung der Massnahmen durchgeführt.
- 7 DHPC/HPC wurden veröffentlicht, um medizinische Fachpersonen über neu erkannte oder kritische Risiken zu informieren.
PSUR-Evaluationen
- 345 PSUR wurden begutachtet.
- 24 führten zu Aktualisierungen der Arzneimittelinformationen.
Risikomanagement-Pläne (RMP)
- 361 RMP wurden begutachtet.
- Bei Bedarf wurden Anpassungen von «Safety Specifications», «Pharmacovigilance Plan» oder «Risk Minimisation Measures» angefordert.
Kommunikationsinitiativen
- Einführung der monatlichen Übersicht «Safety Update – Aktualisierungen der Fachinformation».
- Einführung von:
- Symbol «Rote Sicherheitsinformation» (für DHPC)
- Symbol «Blaue Sicherheitsinformation» (für behördlich angeordnetes Informationsmaterial)
- Ziel: Verbesserung der Sichtbarkeit, Konsistenz und Erkennbarkeit von sicherheitsrelevanten Informationen für medizinische Fachpersonen.
Stephanie Storre, Nora Ruef
Im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben erhält Swissmedic Verdachtsmeldungen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen aus verschiedenen Quellen. Im Jahr 2025 gingen insgesamt 15'022 Meldungen bei Swissmedic ein, darunter 10'208 Initialmeldungen (diese Zahl entspricht den gemeldeten Verdachtsfällen) und 4'814 Nachmeldungen von Zusatzinformationen (Follow-up-Meldungen). Die Analysen in diesem Bericht basieren auf 8'981 Initialmeldungen nach Deduplikation und Ausschluss von Meldungen, die sich nicht auf 2025 beziehen.
In den meisten Fällen (n = 7’951, 89 %) wurden Verdachtsfälle primär von medizinischen Fachpersonen gemeldet. Ein Drittel dieser Meldungen erreichte Swissmedic direkt oder über die regionalen Pharmacovigilance-Zentren, zwei Drittel kamen von den Zulassungsinhaberinnen.
Das Alter der Betroffenen lag zwischen 0 und 100 Jahren (Median: 59 Jahre). In 54 % der Fälle waren Frauen, in 39 % Männer betroffen; in 7 % der Fälle war das Geschlecht unbekannt.
Swissmedic bewertet Einzelfallmeldungen in Zusammenarbeit mit den regionalen Pharmacovigilance-Zentren in Basel, Genf, Lausanne, Lugano und Zürich. 2025 wurden insgesamt 2'208 Meldungen durch die regionalen Zentren einer eingehenden Evaluation unterzogen.
Irene Scholz, Thomas Stammschulte
Swissmedic Vigilance-News Edition 36